Historie

Zur Geschichte der Galopprennbahn Magdeburg
und des Magdeburger Renn-Verein e.V. von 1906

recherchiert und ausgearbeitet von Daniel Riecke

Vor 1906

Pferderennen fanden bereits hunderte Jahre vor Christus im alten Griechenland und bei den Olympischen Spielen große Beachtung und erfreuten sich steigender Beliebtheit. Das „Mutterland“ der heutigen Pferderennen ist England. Anfang des 18. Jahrhunderts professionalisierte sich der Turfsport unter der Herrschaft von Queen Anne. In Deutschland fand am 10.08.1822 der erste organisierte Wettkampf statt.

In unserer Heimatstadt Magdeburg bestand seit 1837 ein „Actienverein für Viehzucht“, welcher ebenfalls ein jährliches, mit einer Tierschau verknüpftes Pferderennen abhielt.¹ Dem „Verein zur Verbesserung und Hebung der vaterländischen landwirthschaftlichen Viehzucht in der Provinz Sachsen verbunden mit Thierschau und einem Pferderennen“ stand seit Gründung Graf Anton zu Stolberg-Wernigerode (Oberpräsident der Preußischen Provinz Sachsen von 1837-1840) vor. 1838 und 1839 wurden sowohl während des jährlichen Wollmarktes eine Tierschau (auf einem Gelände in der Hellestraße) und im Herrenkrug auch Pferderennen abgehalten.²

Somit ist das erste, von einem Verein organisierte Pferderennen in Magdeburg auf den 12. Juli 1838 zu datieren.

Die Stadt Magdeburg stellte 1879 Gelder zur Verfügung, die vom „Sächsisch-Thüringischen Renn- und Pferdezuchtverein“ zur Errichtung einer Tribüne genutzt wurden. Nach nur 21 Jahren brannte diese jedoch vollständig ab.

Ab 1906

Der Magdeburger Renn-Verein e.V. von 1906 wurde am 11.05.1906 von 35 Personen gegründet.

In der Chronik von 1931 heißt es: „Während aber die Bedeutung dieser Rennen über einen engeren Kreis nicht hinausreichte, gelang es im Frühjahr 1906 der unermüdlichen Werbearbeit und dem Organisationstalent des Oberleutnants Wilhelm von Gaza, das Interesse für Vollblutrennen in Stadt und Land in allen Schichten der Bevölkerung zu erwecken und wachzuhalten.“³ 1907 wurden drei Renntage abgehalten. Bis zum Ersten Weltkrieg blühte der Rennverein und stieg in die erste Reihe der großen Rennbahnen in Deutschland auf.

Einen sehr großen Anteil am Erfolg hatte Kronprinz Wilhelm. Der Sohn Kaiser Wilhelms II. war es, der 1908 das Protektorat über den Rennverein übernahm. Ab dem Jahr 1909 wurde in Magdeburg der „Kronprinzenpreis“ ausgelobt, der sich zum größten Jagdrennen auf dem europäischen Kontinent entwickelte. 1911 war der Kronprinzenpreis mit 60.000 Mark ausgeschrieben. 1912 hielt der Rennverein sieben Renntage ab, an denen 331 Pferde starteten und Geldpreise in Höhe von 312.000 Mark ausgeschüttet wurden. 1151 Mitglieder zählte der Verein zu dieser Zeit.

Einen weiteren Aufschwung erlebte der Verein, als der seinerzeitige Kommandierende General des IV. Armeekorps und spätere Reichspräsident, Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, Ehrenmitglied wurde. Bei immer mehr Menschen fruchteten die großen Reklamebemühungen des Vereins. An Renntagen wurde in Magdeburg regelrecht Volksfest abgehalten. Sonderzüge aus Berlin, Leipzig Hamburg, Hannover und weiteren Städten brachten tausende Besucher nach Magdeburg.

Der Erste Weltkrieg brachte auch Einschnitte für den Magdeburger Pferderennsport mit sich. Die Veranstaltung von Renntagen wurde immer schwerer. 1918 wurden die Pferde zu einem Renntag auf Grund einer plötzlichen Eisenbahnsperre auf dem Wasserweg aus Hoppegarten und Karlshorst nach Magdeburg transportiert. „Es dürfte dies der einzige Fall in der deutschen Renngeschichte sein, dass man einen Schiffstransport für Rennpferde benutzte!“4

Auch der Golfsport hat im Herrenkrug eine lange Tradition. Bereits seit den 1920er Jahren wird auf den Rennwiesen Golf gespielt.

Über Hochwasser möchten wir an dieser Stelle wenig berichten, hat es uns in der Historie oft genug Schaden und Kummer bereitet. Es gelang den Mitgliedern immer wieder – stets mit Hilfe der Stadtväter – nach Elbhochwassern die Schäden zu beseitigen und der Zukunft positiv ins Auge zu blicken. 1928 wurde erstmals ein Hochwasserdamm um die Rennbahn herum gebaut.

1930 hatte der Rennverein – bedingt durch die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse in der späten Weimarer Republik – nur noch rund 300 Mitglieder. Die Zahl der Renntagsbesucher sank. An den fünf Renntagen waren nur noch 13.445 Besucher zu verzeichnen. Ab 1942 wurden die Pferderennen in Magdeburg eingestellt.

Im Zweiten Weltkrieg erlitt Magdeburg schwere Bombenangriffe. Auch die Rennbahn, die Gebäude und das gesamte Gelände wurden stark beschädigt und in den Nachkriegsjahren – wieder unter engagierter Beteiligung unserer Stadt – repariert und neu aufgebaut. Wichtige Gebäude, wie die Tribüne konnten erhalten bleiben.

Am 14.08.1949 fand der erste Renntag nach dem Krieg unter großem Andrang der Magdeburger im Herrenkrug statt. Zu verdanken war es vor allem den Herren Fritz Walter und Werner Putzmann. Ersterer starb schon im Frühjahr 1952, weshalb später in der DDR zu dessen Würdigung das Fritz-Walter-Jagdrennen als bedeutendste Hindernisprüfung abgehalten wurde. Rennbahnverwalter Putzmann konnte noch jahrzehntelang den Turfsport in Magdeburg genießen.

Als Trainingszentrale wurde der Herrenkrug in der Nachkriegszeit auch wieder genutzt. So war es der Berliner Heinz Zühlke, der 1955 aus Hoppegarten kommend mit zwei Pferden seinen Weg zu uns fand. Mit 464 Erfolgen ging Zühlke 1976 in den Ruhestand. 1977 übernahm Rainer Busch den volkseigenen Rennstall „Elbstrom“. 1981 gewann Busch das Trainerchampionat mit insgesamt 55 Siegen (12 vor Egon Czaplewski) in einem Jahr.

1964 wurde in Magdeburg die Zielfotografie eingeführt. Bis dato war es Aufgabe der Zielrichter, den Einlauf zu nennen, ohne dass es am Ende nachträglich kontrolliert bzw. überprüft werden konnte. Zwölf Jahre später kam auch erstmals eine Startermaschine zum Einsatz und löste damit den Bänderstart ab.

1971 erhielt der „Vollblutstandort“ Magdeburg Zuwachs. Bei Vogelsang (einige Kilometer von Magdeburg entfernt) baute Ulrich Orling ein Vollblutgestüt auf. Er ließ seine Pferde von Inge Rieke im Herrenkrug trainieren. Inge Rieke, 1919 in Berlin geboren, war in den 30er und 40er Jahren als Damenrennreiterin erfolgreich. Die erste Frau in Deutschland, die Galopprennpferde trainierte, schaffte es dann bis in die 1990er Jahre auf fast 500 Siege.

In der DDR wurden in Magdeburg zwar jährlich bis zu zehn Renntage abgehalten, jedoch verlor die Rennbahn an Attraktivität. Der staatlich protegierte Zentralismus kannte nur eine Ausrichtung: Hoppegarten.

Nach dem Ende der Trennung Deutschlands mussten 1990 die Rennen in Magdeburg abgesagt werden, da die Kosten hierfür nicht gedeckt waren. Engagierte Magdeburger riefen deshalb den Magdeburger Renn-Verein e.V. von 1906 wieder ins Leben und wählten auf ihrer ersten ordentlichen Mitgliederversammlung am 22.11.1990 den damaligen Innenminister des neugegründeten Landes Sachsen-Anhalt, Wolfgang Braun, zum Präsidenten. Im selben Jahr erfolgte der Anschluss an das Direktorium für Vollblutzucht und Rennen in Köln.

Hans Heinrich von Loeper, damaliger Generalsekretär des Direktoriums äußerte sich seinerzeit wie folgt über unsere Galopprennbahn: „Der Herrenkrug ist vom Umfeld her die schönste Rennbahn in ganz Deutschland.“5

Die Wiedervereinigung war zwar politisch vollzogen, jedoch haperte es oft an der technischen Wiedervereinigung beider Länder. Am ersten Renntag 1991 stimmten die Startnummern der Pferde nicht mit denen der Rennzeitung überein. Die fehlenden Telefonleitungen in die alten Bundesländer waren Schuld an dieser Misere. Da der Wettumsatz spürbar eingebrochen war, fuhr fortan der Geschäftsführer vor Renntagen in den Westteil Berlins, um dann telefonisch mit dem Direktorium in Köln die Starterangabe abstimmen zu können.

Auch nach 1990 fanden Jagd- und Hürdenrennen statt. Die Saison 1992 war von mehreren Unfällen überschattet. Sowohl bei Roß als auch bei Reiter waren Schäden zu verzeichnen. Umso erleichterter waren die Verantwortlichen am 09.05.1992, als MORINGA GIRL, nachdem sie nach einem Sturz reiterlos durch die Innenstadt lief, am Hauptbahnhof wohlbehalten eingefangen werden konnte.

Die 90er Jahre waren für die Trainingszentrale im Herrenkrug erfolgreiche Jahre. 1992 kam Jürgen Hartmann von der bisherigen Wirkungsstätte Schloß Arff b. Köln an unser Geläuf, womit hier erstmals drei Trainer arbeiteten. 1993 kam Reinhardt Schmidt aus Verden/Aller hinzu und 1996 dann auch noch Manfred Biermann, dessen Schwiegervater, Prof. Glahe, der Präsident des mit uns eng verbundenen Harzburger Rennvereins war.

Seit 1999 wird auf der Rennbahn auch wieder Golf gespielt. Die Bundesgartenschau im gleichen Jahr wertete den Herrenkrugpark erheblich auf. Nach einem zehnjährigen Intermezzo mit einer „Rennwiesen GmbH“ wurde 2004 der Renn-Verein wieder alleiniger Bewirtschafter der Rennbahn, die im Besitz der Landeshauptstadt Magdeburg ist.

Die beiden Jahrhunderthochwasser 2002 und 2013 trafen auch den Herrenkrug und die Galopprennbahn empfindlich. Das Geläuf, die Stallungen, die Tribüne, die Toto- sowie weitere Nebengebäude standen tagelang meterhoch unter Wasser. Das Wasser floss erst nach Wochen gänzlich ab.

Jagd- und Hindernisrennen werden heute in Magdeburg nicht mehr abgehalten. Beliebt sind beim hiesigen Publikum jedoch gemischte Renntage mit Trab- und Galopprennen.

Der Rennverein hat heute nun rund 250 Mitglieder und erfreut sich in seiner Beliebtheit unter der Bevölkerung und seinem Stellenwert in Deutschland einer Renaissance.

Im Jahr 2016 feierte der Rennverein sein 120-jähriges Jubiläum.

1 von LENGERKE, Alexander, Landwirthschaftliche Statistik der deutschen Bundesstaaten, Bd. 2, Teil 2, Braunschweig, 1841, S. 610
2 LEHMANN, Friedrich Wilhelm, Kurzgefasste Beschreibung der Stadt Magdeburg und deren Umgebungen, dritte Auflage, Magdeburg, 1839, S. 273
3 Magdeburger Renn-Verein e.V. (Hrsg.), Rennen in Magdeburg 1906-1931, Magdeburg, 1931, S. 3f
4 Magdeburger Renn-Verein e.V. (Hrsg.), Rennen in Magdeburg 1906-1931, Magdeburg, 1931, S. 6
5 ZYLBERBERG, Siegfried, Rund um die Magdeburger Rennbahn Herrenkrug, BNR, Magdeburg 1996, S.36